Einerlei: Salomonische Steuerregelung im Kunstbetrieb

Ich hatte in meinem Beitrag “Einerlei: höhere Umsatzsteuer für Kunstwerke” zum Umgang mit der reduzierten Umsatzsteuer im Kunsthandel bereits meine Meinung zur bisherigen Handhabung geäußert und die Androhung eines Klageverfahrens der EU-Kommission vor dem Europäischen Gerichtshof bei Beibehaltung der bisherigen Reglung begrüßt. In einem weiteren Beitrag, “Einerlei: Kunstmarkt reagiert empört“, hatte ich zudem die – ich muss es mit dem scharfen Wort beschreiben – verlogene Argumentation des Kunsthandels dargestellt, der den Verlust des reduzierten Steuersatzes von sieben Prozent auf alle seine Verkäufe in dramatischer Weise beklagt. Heute erreichte mich ein RSS-Feed von Creative-City-Berlin, in dem davon berichtet wird, dass sich die Bundesregierung am 25.04.2012 – warum erfahre ich erst so spät davon? – im Finanzausschuss des Deutschen Bundestages zur Forderung der EU-Kommission geäußert habe.

Fazit ist, man kann nicht umhin, der EU-Kommission Recht zu geben. Die bisherige steuerliche Bevorzugung des deutschen Kunsthandels sei nicht mit dem EU-Recht konform. Daher müsse man zukünftig im Kunsthandel den normalen Umsatzsteuersatz von 19 Prozent auf jeden Verkauf aufschlagen. Lediglich die Kunstverkäufe der Kunstschaffenden selbst würden weiterhin mit dem reduzierten Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent gefördert werden. Über Ausgleichsmaßnahmen für den Kunsthandel würde nachgedacht, allerdings fiele dies unter die Entscheidungsbefugnis des gesetzlichen Haushaltsgesetzgebers.

Ich halte diese Entscheidung der Bundesregierung für sehr salomonisch. Sie nimmt den Grundsatz der Kunstförderung ernst und fördert Kunstschaffende direkt. Für Künstlerinnen und Künstler wird damit, neben den Vorzügen der Künstlersozialkasse, tatsächlich ein kleiner Freiraum geschaffen, wenn sie wirklich künstlerisch erfolgreich tätig sind, davon ihre Existenz zu bestreiten. Galerien jedoch betreiben einen Handel mit Kunst, keinen Sozialfonds für arme Kreative oder ein Kunstschaufenster für vernachlässigte Bevölkerungsschichten, was unbedingt gefördert werden müsste. Galerien denken und handeln marktwirtschaftlich, um im umkämpften Markt bestehen zu bleiben. Sie bedienen dabei eine Klientel, die über einen zumindest so ausreichenden Wohlstand verfügt, dass sie eine so kostbaren Ware wie Kunst sammeln kann. In dieser Funktion und Situation sind jedoch die Kunsthandelnden aus dem Gleichbehandlungsprinzip in nationaler und europäischer Hinsicht heraus dazu verpflichtet, dem Staat die identischen Abgaben abzuführen wie andere Handelstreibende auch. Das halte ich für steuergerecht.

Den Zusatz der Verlautbarung der Bundesregierung, man überlege Ausgleichsmaßnahmen für den Kunsthandel, interpretiere ich als vorläufige Beruhigung der Kunstszene, die letztlich aber nicht umgesetzt werden wird. Das hoffe ich zumindest für die Bundesregierung! Denn ein weiteres klientelbezogenes Steuergeschenk wie für die Hotelbranche durch die FDP, kann sich eigentlich keine der drei Regierungsparteien mehr erlauben. Hierfür müsste doch sehr gut argumentiert werden, um dies vor den Wählerinnen und Wählern rechtfertigen zu können. Jedoch – davon bin ich nach reiflicher Überlegung überzeugt – es gibt schlicht keine guten Gründe für die steuerliche Bevorzugung einiger Galerie-Betreiber und wohlhabender Sammler.

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Als Fakir …

Als Fakir helfe ich immer gerne,
außerdem mach’ ich alles für Apfelkuchen.
Doch, auch wenn ich selbst etwas dabei lerne,
halt’ ich eigentlich nichts von Tierversuchen!

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Einerlei: Der Dackel von Charlottenburg

An dem Tag, an dem meine Frau und ich vergangenes Jahr nach Charlottenburg umzogen, wies mich der Anführer des Umzugstrupps auf einen kleinen Hund auf dem Bürgersteig hin. Es handelte sich um einen schon etwas älteren, dunkelbraunen Rauhaardackel, der gemütlich auf dem Gehweg umherstreifte. Dieser Hund, so sagte der kräftige Umzugshelfer, würde nun schon, seitdem sie unsere Möbel aus dem Umzugswagen packen, seine zweite Runde in dieser Straße drehen. Zunächst liefe er auf der einen Straßenseite, würde dann am Ende der Straße diese überqueren und auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig wieder zurückkehren.

Ich beobachtete daraufhin dieses Geschehen ebenfalls sehr interessiert. Ein zum Hund gehöriges Frauchen oder Herrchen war nicht zu sehen. Dieser Hund lief wie selbstverständlich ganz allein und selbständig auf den Gehwegen. Er kümmerte sich auch nicht um die Menschen, die ab und zu auf dem Bürgersteig liefen. Seine ganze Konzentration galt den Gerüchen, die er zu entdecken suchte: am Laternenpfahl, am Baum, am Grasbüschel, am Autoreifen, an der Hauswand etc. An besonders interessanten Stellen hob er ein Beinchen und markierte so die Stelle mit der Duftmarke seines urinalen Strahls.

Der Anblick dieses in sich ruhenden, selbstbewussten und autarken Geschöpfes inmitten einer Millionen-Hauptstadt rührt ungemein mein Herz. Seitdem habe ich diesen Dackel schon mehrfach wiedergesehen, denn er macht fast täglich seine Runde im Block, wenn auch zu unterschiedlichen Zeiten. Und ich bin ihm verfallen! Jedesmal springt mein Herz vor Freude, wenn ich ihm begegne, wobei ich ja nicht von einer Begegnung wirklich sprechen kann, da er meine Anwesenheit weder durch Anschnuppern noch durch ein Heben des Kopfes oder in irgendeiner anderen Weise würdigt. Er ignoriert mich einfach. Gestern vor meiner Haustür geschah dies auch wieder bzw. passierte nichts dergleichen. Ich blieb extra stehen und wartete darauf, während er auf mich zugelaufen kam, dass er irgendwie neugierig wäre zu sehen, wer da mitten auf dem Bürgersteig stehen blieb. Jedoch hoffte ich umsonst auf eine Reaktion. Direkt neben mir war die freie, verrottete Erdfläche im Bürgersteigpflaster, in der einmal ein mittlerweile gefällter Baum gestanden hatte, viel interessanter. Auf diesem verdreckten Stück Erde hatten sich schon viele andere Hunde verewigt. Auch – ich nenne ihn einmal Friedolin -, auch Friedolin hob hier sein Beinchen und setzte seine Marke dazu. Anschließend trottete er – ja, man kann wirklich von Trotten sprechen, da es ein leichtfüßiges, Ruhe ausstrahlendes, gemütliches Hoppeln auf vier kurzen Beinen ist – von dannen. Ich schaute ihm begeistert hinterher. Diesmal überquerte er aber nicht die Straße, sondern verschwand alsbald um die Hausecke aus meinem Blick.

Friedolin ist für mich eins von vielen Beispielen für die sympathische Lebenskultur Berlins! Man muss nicht nach Prenzl’berg, Friedrichshain oder Kreuzberg fahren, um dort an hippen Orten auf hippe Menschen zu treffen. Hier im total normalen, gelassenen, abseitigen Charlottenburg zwischen Alt-Lietzow und dem Gelände der TU Berlin, weitab vom teuren alten West-Berlin um dem Savignyplatz, gibt es ebenfalls Dinge im Kleinen zu entdecken, die Kult besitzen. Wie z.B. die selbstverständliche autarke Mobilität von Hunden und Katzen im Kiez, die keineswegs Einzelfälle sind, inmitten eines mehrstöckigen Häusermeeres, durch das mit täglich Tausenden von Autos und Bussen stark frequentierte Straßen ziehen. Diese selbstbewussten Wesen erobern ihre Nischen und richten es sich dort gemütlich ein. Natürlich hat Friedolin irgendwo in unserem Häuserblock ein Zuhause. Dort wird er mit Essen versorgt und erhält wahrscheinlich auch seine liebevolle Zuwendung. Auf diese Weise gestärkt, benötigt er aber keinen Menschen mehr, um – etwa an der Leine geführt – spazieren zu gehen. Ich freue mich schon auf das nächste Wiedersehen; vielleicht nimmt mich Friedolin ja diesmal wahr.

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Als Sträfling …

 Als Sträfling hinter Mauern
bemerk ich mit Bedauern,
wie ich auf die Dauer
langsam hier versauer!

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Als Taucher …

Als Taucher am dunklen Meeresgrund,
mit einem Atemregler vor dem Mund,
kann ich mich kaum artikulieren
gegenüber den Meerestieren!

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Was ist das für ein Ding, …

Was ist das für ein Ding,
frag ich Dich als Kunstliebhaber,
mit diesem Griff am Ring?
Das ist ein Kandelaber-Schaber!

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Als Astronaut …

Als Astronaut im tiefen Weltall
ist es fast schon ein riesen Zufall,
wenn ich hier nicht in diesem Saustall
gegen irgendeinen Abfall knall!

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Als Tourist …

Als Tourist im fernen Urlaubsland
lieg ich am heißen Badestrand,
genieß den feinen, hellen Sand
und hol mir einen Sonnenbrand!

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Einerlei: Von Künstlern, Handwerkern und Pfuschern

Während meines Kunstgeschichtsstudiums besuchte ich einmal ein Exkursionsseminar zur Denkmalpflege. Das Seminar wurde damals von einem Privatdozent angeboten, der selbst  hauptberuflich Denkmalpfleger war. Das Thema des Seminars tut eigentlich nichts zur Sache. Nur eine eher beiläufige Aussage des Dozenten hat mich, neben den Seminarinhalten, damals besonders beeindruckt. Wir standen vor einem größeren Fachwerkkomplex, der unter Beibehaltung der historischen Bausubstanz fachgerecht saniert worden war und anschließend – windschief wie er war – als Hotel genutzt wurde. Der Dozent bewertete in seinen Ausführungen vor Ort die Arbeit dieses Architekten und die Arbeit von Architekten im Allgemeinen. Er sprach davon, dass eigentlich nur zehn Prozent aller Architekten Künstler seien. Der Architekt jenes Gebäudes gehöre aber unbedingt dazu. Der Rest wäre eher als Handwerker in derem Metier zu bezeichnen.

Diese Betrachtungsweise hat mich nicht nur deswegen fasziniert, weil ich sie damals sehr einleuchtend fand. Die Unterteilung in “herausgehoben und besonders” sowie “normal” liegt außerdem diametral zum Selbstverständnis der Architektenzunft, die sich aufgrund des gestalterischen Schwerpunktes in der Ausbildung gerne generell der Kunst zugehörig fühlt. Eine Umfrage unter Architektinnen und Architekten, in der sie sich in diese beiden Kategorien selbst einordnen müssten, würde m. E. eine andere prozentuale Verteilung als Ergebnis liefern als die meines Dozenten. Dieser hat mit seiner Kategorisierung die Bewertung als Künstler vom klassisch künstlerischen Metier losgelöst und zu einem qualitativen Maßstab des architektonischen Wirkens hingeführt.

Das damals für mich neuartige Beurteilungsschema habe ich mittlerweile etwas weiterentwickelt: Einerseits habe ich es um die Kategorie “Pfuscher” erweitert und sie so in eine Qualitätsleiste von Künstlern auf der linken Seite über Handwerker in der Mitte und Pfuschern auf der rechten Seite eingepasst. Andererseits beschränke ich dieses Bewertungsmodell längst nicht mehr nur auf das Schaffen von Architekten. Jede Person kann in der beruflichen und privaten Ausübung entsprechend eingeordnet werden. Dabei lege ich Wert darauf, dass die Kategorie des Handwerkers keineswegs eine schlechte Bewertung darstellt. Ein guter Handwerker ist immer Gold wert! Einfache, immer wiederkehrende Aufgaben müssen genauso zuverlässig und substantiell hochwertig abgeschlossen werden wie kulturelle Neuheiten. Wer schon einmal ein Haus gebaut hat oder seine Wohnung renovieren ließ, wird dies bestätigen.

Unterziehen wir die Ärzteschaft als weiteres Berufsfeld neben den Architekten der qualitativen Kategorisierung: Mediziner sind im allgemeinen betrachtet Handwerker, nicht mehr und nicht weniger. Es sind keine übersinnlichen Wunderheiler, es sind schlicht Handwerker, die ihr durchaus sehr komplexes Fachgebiet gelernt haben und überwiegend zuverlässig anwenden. Sie erstellen eine Diagnose und verschreiben eine entsprechende Therapie. Bei Bluthochdruck gibt es Medikamente dagegen, bei Psychosen entsprechend andere. Gesund im eigentlichen Sinn wird davon eigentlich keiner, man bleibt im besten Fall etwas länger leben. Nun gibt es aber auch Künstler unter den Ärzten, die es tatsächlich schaffen, Menschen wider Erwarten zu heilen oder zerstörte Glieder sowie Sinne wieder herzustellen. Ich möchte im weniger dramatischen Segment meinen Zahnarzt als positives Beispiel nennen. Ich schätze ihn durchaus als Künstler, mindestens aber als hervorragenden Handwerker wirklich sehr hoch. Er macht immer nur das, was unbedingt notwendig ist, und das so behut- und einfühlsam, dass ich gerne zu ihm gehe. Denn wenn einmal etwas ist, weiß ich, dass ich mich danach wieder blendend fühle. Ich war schon bei Zahnärzten, die ihren Job als Handwerker gut erledigt hatten, aber ich musste häufiger als unbedingt notwendig hingehen. Und ich war auch schon bei einem Pfuscher, der nicht nur die bei mir ausgetauschten Gold-Inlays bei sich behielt, sondern dessen Arbeit noch Jahre später von den nachfolgenden Zahnärzten korrigiert werden musste.

Bei den Handwerksberufen treffen wir übrigens neben den Handwerkern und Pfuschern ebenfalls auf Künstler. Ein Fliesenleger kann als Künstler genauso besondere Ergebnisse abliefern, die über den guten Standard hinaus gehen, wie ein Wissenschaftler als guter Handwerker erwartbare Forschungsergebnisse in der Genetik abliefern kann. Natürlich ist die Ausbildung zum Naturwissenschaftler sehr viel anspruchsvoller als die zum Fliesenleger. Es geht bei der Bewertung von Arbeitsergebnissen auf der Qualitätsschiene jedoch nicht um das Ansehen eines Berufsstandes in der Gesellschaft. Nein, ausgehend von einem zu erwartenden, soliden Resultat kann jede Person besondere Maßstäbe durch künstlerisches Wirken setzen. Umgekehrt betrachtet ist man nicht automatisch ein Künstler, nur weil man die entsprechend angesehene Ausbildung absolviert hat.

Was aber macht einen Künstler aus? Was unterscheidet ihn vom guten Handwerker? Es sind das Gefühl und Einfühlungsvermögen für die Materie, die Kreativität in der Ausführung und die Akrobatik in der Anwendung der Techniken. Je weniger von diesen Eigenschaften in einer Person vertreten ist, desto mehr ist man Handwerker und zu guter Letzt auch Pfuscher.

Und was ist mit der Kunst, bildet sie eine  Ausnahme? Sind alle profitabel Kunstschaffenden auch automatisch Künstler? Nein! Meine Antwort fällt eindeutig aus. Es sind auch nur zehn Prozent Künstler unter den selbständigen Künstlern zu zählen. Ich persönlich sehe nur in Ausnahmen der Kunstszene die drei von mir genannten Eigenschaften in ausgeprägter Form vertreten, wie z. B. bei Gerhard Richter. Wieso eigentlich zehn Prozent, werden Sie sich fragen? Nun, die Antwort ist so einfach wie das Bewertungsmodell: weil mein damaliger Dozent diese Zahl aufgestellt hat! Sie sagt nichts anderes aus, als dass nur ein kleiner Bruchteil der großen Masse herausragend wirkt und als künstlerisch bezeichnet werden kann. Niemand kann sich so einfach unter die Künstler mischen, die Anforderungen und Maßstäbe sind hoch. Und gleichzeitig kann Jede und Jeder im Kleinen und Großen auch als Künstler wirken. Grundsätzlich können wir alle aber mit uns zufrieden sein, wenn wir im Laufe unseres Lebens als gute Handwerker mit guten Ergebnissen unsere Umwelt bereichern.

 

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Einerlei: Kunstmarkt reagiert empört

Die Reaktionen der Kunstvermarkter auf die Aufforderung der EU-Kommission, den reduzierten Umsatzsteuersatz für Kunst- und Sammlerwerke abzuschaffen, sind natürlich höchst empörter Natur, so wie es sich für Lobby-Arbeit nun einmal gehört. Ich habe bereits vor ein paar Tage meine Meinung zur Abschaffung des reduzierten Steuersatzes kund getan. Das Magazin artnet hat sechs Protagonisten der Kunstszene – fünf vom Kunsthandel, einer von einem Künstlerverband – zu diesem Thema befragt. Ich möchte mich im Folgenden mit diesen Stellungnahmen auseinandersetzen:

Der Vorsitzende des BVGD, der Bundesverband Deutscher Gewichtheber e.V., nein, natürlich ist es der Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler e. V., Klaus Gerrit Friese, hätte sich kaum allgemeiner mit nichtssagenden Plattitüden äußern können: “Der ermäßigte Mehrwertsteuersatz ist eine der Grundlagen unserer Arbeit als Galeristen, als Kulturvermittler. Er gehört zur Bildenden Kunst so selbstverständlich wie zu Büchern und zur Musik. Die Umsetzung dieser Forderung engstirnigster europäischer Bürokraten wäre eine substantielle Bedrohung der Vermittlungsarbeit von Galerien, eine Katastrophe für den deutschen und europäischen Kunstmarkt.” Diese Stellungnahme bedeutet,wenn man die Aussagen zwischen den Zeilen auswertet, in verständliche Sprache übersetzt: “Wir arbeiten nie für den eigenen Profit, sondern allein für das hehre Ziel, die doch so schwer zu vermittelnde Kunst näher an den Bürger heranzuführen. Ohne uns würde niemand Kunst verstehen oder etwas damit anfangen können. Nehmt uns also unseren Geldvorteil nicht weg. Die Buchhändler und Verlage besitzen schließlich das gleiche unsinnige Steuerprivileg. Und wie Kleinkinder im Kindergarten eben sind, möchten wir nicht, dass uns weggenommen wird, was unsere Freunde auch besitzen und diffamieren darum die Kindergärtnerinnen als blöde engstirnige europäische Bürokraten. Wenn wir verzogenen Gören nicht mehr weiter bevorzugt werden, dann geht am Ende der ganze Kindergarten zu Grunde. Das habt ihr dann davon!”

Wenn die Kunst, bzw. es wird ja gleich die gesamte Kultur vermittelt, sich nicht aus sich heraus erklärt, vermittelt, verkauft, dann ist sie es nicht wert, auch noch finanziell verhätschelt zu werden. Das ist das gleiche wie mit dem Kohlepfennig: wenn man die Kohle nicht mehr braucht oder zu teuer im Abbau ist, dann darf sie auch nicht mehr mit Milliarden Euro gestützt werden. Das soll nicht bedeuten, dass wir keine Kultur oder Kunst mehr brauchen. Wir brauchen nur keine vom Staat verhätschelte Kultur, sondern eine aus der Gesellschaft heraus generierte, sich selbst tragende Kunstszene.

Frau Silke Thomas, von der Galerie Thomas in München, meint dazu: “Der Kunstmarkt hat sich – besonders in den letzten Jahren – als eine schnell wachsende und umsatzstarke Branche auf den globalen Märkten etabliert. In dieser Liga ist die Konkurrenz nicht in den Nachbarländern zu suchen, sondern muss einem internationalen Vergleich standhalten. Andere Länder, die geringere oder sogar gar keine Steuern auf den Verkauf von Kunstwerken erheben, werden zum bevorzugten Umsatzplatz. Deutschland und die EU verlieren somit in erheblichem Maß an Bedeutung im internationalen Markt – daher ist es die Frage, ob am Ende wirklich mehr ins Portemonnaie kommt.

Frau Thomas argumentiert rein wirtschaftlich. Vielleicht sollte Herr Friese vom BVDG einmal genauer seinen Mitgliedern zuhören. Frau Thomas meint übersetzt: “Bitte bewahrt uns unseren Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Ländern auf der Welt, die bislang mehr Steuern vom Kunsthandel verlangen. Und irgendwo auf der Welt gibt es auch ein Land, dass – oh Schreck – überhaupt keine Steuern dafür einnimmt. Gegen dieses Land oder diese Länder schützt uns, denn wir brauchen jede Vorteilsnahme. Frau Thomas wird selbst aber genau wissen, dass mehr dazu gehört, Kunst zu verkaufen, als lediglich eine besondere Steuer-Bevorzugung. Sonst würde sie ihr eigenes Schaffen oder die Leistung ihres Vater, der die Galerie aufgebaut hat, unter ihren und seinen Scheffel stellen. Zu einer Galerie gehören gute Künstler, umfangreiche Kontakte im Kulturbereich, ein Netzwerk an wohlhabender Kundschaft. So ein Gut baut man nicht so schnell auf, aber es baut sich auch nicht so schnell ab. Nur weil dort eventuell keine Steuer für den Verkauf von Kunstwerken verlangt werden, wird nicht die gesamte Kunstszene nach Dubai abwandern.

Ach, und übrigens, die Galerie Thomas vertreibt ausschließlich historische und etablierte Kunst: Expressionismus und Klassische Moderne, von Franz Marc bis Joseph Beuys oder von Pablo Picasso bis Andy Warhol. Gerade einmal Peter Halley, dessen Werke bereits in der MoMa, Tate und dem Guggenheim-Museum gezeigt werden oder Marc Quinn, dessen Werke zum Teil für Millionen Pfund-Beträge den Eigentümer wechselten, werden als “Internationale Künstler der jüngeren Szene” genannt. Ich gönne den Erfolg und die namhaften Künstler der Galerie Thomas von ganzem Herzen, ich erkenne das enorme wirtschaftliche Engagement an. Aber ich frage mich ernsthaft, welche deutschen oder europäischen unbekannten, ambitionierten Künstler werden eigentlich durch die Galerie Thomas gefördert? Oder umgekehrt ausgedrückt, welche Künstler werden nach der Erhöhung der Mehrwertsteuer für Kunstgegenstände nicht mehr gefördert werden können? In der Galerie Thomas wird ein enorm wertvolles Handelsgut vermarktet, Kultur muss bei diesen Künstlern nicht mehr vermittelt werden. Das Interesse und der Wunsch nach dem Besitz sind bereits maßgeblich vorhanden. Der steuerliche Vorteil nützt bei diesen Verkäufen allein dem Establishment.

Juerg Judin, von der Galerie Judin in Berlin ist in seinen Äußerungen schon ein bisschen realistischer. Er nennt zumindest die Kunst, was sie ist, nämlich eine Handelsware. Er schreibt aber der Tätigkeit des Kunsthandels eine edle Eigenschaft zu, indem er behauptet, dass der Umgang mit der Handelsware Kunst, den Zugang für alle Bevölkerungsschichten erleichtert: “Der Vorstoß der EU-Kommission ist für den deutschen Kunsthandel ein Schock – kommt aber nicht völlig überraschend. Die ungleichen Steuersätze in den verschiedenen EU-Ländern führen immer wieder zu Diskussionen zwischen Galeristen und Sammlern. Und sie verleiten Sammler dazu, nach Wegen der Steueroptimierung zu suchen – was die Situation für Galeristen nicht vereinfacht! Man kann die Bildende Kunst als Handelsware sehen – was sie natürlich auch ist – oder als zentralen Bestandteil unserer kulturellen Identität, auf den möglichst alle Bevölkerungsschichten einen erleichterten Zugang haben sollen. Der reduzierte Steuersatz in Deutschland trägt dieser Argumentation Rechnung und es wäre schade, wenn Kunst in einer Zeit verteuert würde, in der die Steuern auf Hotelübernachtungen gesenkt werden. In anderen Ländern ist der Steuersatz für Kunst aber höher – und es ist klar, dass sich diese Länder wehren. Für die Branche bedeutet es, dass vor allem im Sekundärmarkt und bei den Auktionshäusern Kunst in Länder außerhalb der EU abwandert. Die USA und die Schweiz werden sich freuen. Für die Galeristen, die standortgebunden sind, bedeutet es eine Verteuerung ihres Angebots ohne erkennbaren Mehrwert für die Kunden. Aber auch die Künstler sind betroffen, da die Anhebung des Steuersatzes zumindest teilweise auf sie umgewälzt werden wird.” Aber Herr Judin, lebe ich in einer anderen Welt als Sie? Ich als Kunstinteressierter, Kunstschaffender und Kunststudierter würde im Leben nicht eine Galerie betreten, weil ich mir die Kunstobjekte in den allermeisten Fällen einfach nicht leisten könnte. Dem größten Teil der Bevölkerung geht das Handeln der Galerien völlig am Interesse vorbei. Vielleicht würden Sie ja einen erleichterten Zugang für möglichst alle Bevölkerungsschichten erreichen, wenn Sie Bildende Kunst über Amazon, Ebay oder einem Verkaufs-Fernsehsender darbieten würden?

Natürlich ist die reduzierte Steuer für Hotelübernachtungen unsinnig, das macht aber die reduzierte Steuer für Kunstwerke nicht sinnvoller. Beides ist nicht logisch und bezogen auf eine Steuergerechtigkeit nicht nachvollziehbar. Aber da ist er wieder: der Fingerzeig eines unartigen Kindergartenkindes, das auf andere unartige Kinder zeigt. Die USA und die Schweiz würden sich freuen, wenn die EU einheitliche normale Steuern erheben würde. Deswegen solle die Subvention, nichts anderes ist es, durch einen reduzierten Umsatzsteuersatz auf die “Handelsware” Kunst beibehalten werden. Ich frage Herrn Judin: Gibt es für Deutschland keinen einzigen Standortvorteil, außer dem reduzierten Umsatzsteuersatz? Gibt es keine lokale, selbstständige Kunstszene, die so wertvoll ist, dass man sie auch mit 19 % noch international verkauft bekommt? Wenn dem nicht so sein sollte, dann ist die Kunstszene und ihre Subventionierung an sich schon nicht zweckmäßig, oder? Man sollte nie Wirtschaftszweige künstlich am Leben halten, die aus eigenen Stücken nicht überleben könnten. Das ist eine Erkenntnis, die sich eigentlich in der Politik durchgesetzt hat.

Ulrike Berendson, Leiterin der “Cologne Fine Art & Antiques (Cofaa)” von 2008 bis 2011, ist wenigstens ehrlich: sie nennt gar nicht erst die Künstler als Förderungsgrund. Sie fordert ausschließlich Hilfe für Galeristen und Händler: “Die reduzierte Mehrwertsteuer für Kunst ist existentiell für Galeristen und Händler. Sie ist eine wichtige Grundlage für die positive Weiterentwicklung der Kunstlandschaft in Deutschland, für die der Staat eine klare Mitverantwortung trägt. Die ermäßigte Mehrwertsteuer für Kunst muss in Deutschland erhalten bleiben.” Na klar, der Staat trägt vor allem eine Mitverantwortung für die Galeristen. Und für die Nagelstudios und für die Drogeriekette Schlecker und für die Börsenhändler und für die Kaffeekultur in Deutschland … Frau Berendson spricht eindeutig aus, dass es sich um eine partielle Unterstützung für eine bestimmte Klientel handelt. Sie hält dieses Privileg für selbstverständlich gegenüber anderen Handelszweigen, die dieses Privileg nicht genießen.

Als nächstes kommt ein Auktionator zu Wort. Auktionshäuser handeln m. E. mit Wertgegenständen. Da wird kein verhuschter Künstler gefördert, sondern anerkannte, als wertvoll angesehene Gegenstände wie Ölbilder, Fabergé-Eier und Silberlöffel. Schauen wir uns an, was Herr Daniel von Schacky, Geschäftsführer der Villa Griesebach Auktionen in Düsseldorf zu sagen hat: “Leider kommt die ermäßigte Besteuerung der Kunst in Deutschland alle Jahre wieder ins Fadenkreuz von Finanzpolitikern beziehungsweise EU-Beamten. Wobei mir in diesem Falle nicht einleuchten möchte, warum Deutschland hier einen Sonderfall darstellen sollte. England hat auf jeden Fall einen reduzierten Steuersatz für Kunst (5 Prozent) und Frankreich meines Wissens auch. Durch die zwischenzeitliche Mehrwertsteuer-Erhöhung ist der zu erwartende Flurschaden einer solchen „Angleichung“ nur gravierender geworden. Und die Abwanderung in Richtung Schweiz (7,6 Prozent und kein Folgerecht), die solch eine Erhöhung fast zwangsläufig nach sich ziehen würde, ist nicht zu unterschätzen.” Ja, mein Gott. Auch Sie Herr von Schacky müssen sich immer wieder neuen Herausforderungen stellen. Verbessern Sie die Qualität Ihrer Auktionen und stilisieren Sie sich bitte nicht als Opfer, dass immer wieder ins “Fadenkreuz von Finanzpolitikern” gerät.

Nun kommt der Verbandsvertreter für die Kunstschaffenden: Werner Schaub, Vorsitzender des Bundesverbandes Bildender Künstlerinnen und Künstler (BBK): “Der ermäßigte Mehrwertsteuersatz für Kulturgüter ist ein zentrales Kulturförderinstrument. Die EU-Kommission tritt diese Förderung von Kunst und Kultur in Europa mit Füßen, wenn sie zum normalen Mehrwertsteuersatz für Kunstgegenstände zwingt. Käme die Bundesregierung der Aufforderung der EU-Kommission nach, den ermäßigten Mehrwertsteuersatz für Kunstgegenstände abzuschaffen, nähme sie eine weitere drastische Verschlechterung der ohnehin überwiegend prekären Lage der Kulturbranche in Kauf. Dies bedeutete eine Gefährdung kultureller Vielfalt, zu deren Schutz sich die Bundesregierung mit der Ratifizierung der UNESCO-Konvention über den Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen verpflichtet hat.

Es rächt sich jetzt, dass Kunst und Kultur nicht von vornherein in die EU-Liste der steuerlich zu privilegierenden Güter aufgenommen wurden. Kulturpolitik ist originäre Aufgabe der EU-Mitgliedsstaaten. In diesem Sinne fordern wir die Bundesregierung auf und appellieren insbesondere an Bundesfinanzminister Schäuble und Kulturstaatsminister Neumann, sich weiterhin für den Erhalt des ermäßigten Mehrwertsteuersatzes für alle Kulturgüter, auch für Kunstgegenstände, einzusetzen.

Es zeugt schon von einer elitären Arroganz, wenn Kunstgegenstände gleich mit Füßen getreten werden, nur weil man sie zum gleichen Mehrwertsteuersatz zwingt wie ein Handy, einen Fernseher oder ein Besteckset. Wenn die Kulturbranche sich angeblich in einer prekären Lage befindet, dann ist daran nicht die Mehrwertsteuer schuld. Dies wird dann wohl an der Kulturbranche selbst liegen oder, wie auch häufig kolportiert wird, an der Finanzkrise vor zwei Jahren. Die Kulturbranche sollte sich einmal fragen, was machen wir falsch? Sie sollte nicht aufgeregt nach dem Sheriff rufen, um den Status quo weiter aufrecht zu erhalten. Ich möchte ernsthaft bezweifeln, dass die Erhöhung des reduzierten Umsatzsteuersatz auf 19 % die kulturelle Vielfalt gefährdet. Wird hier nicht mit Kanonen auf Spatzen geschossen? Oder ganz perfide Besitzstandswahrung betrieben?

Auch wenn immer wieder versucht wird, die Kultur und Kunst in göttliche Hemisphären zu erheben, so ist die Kunst doch eine Handelsware wie jede andere auch. An dieser Handelsware verdienen die Handelnden sehr viel Geld. Dieser Verdienst soll allen Beteiligten ohne jede Form von Neid zugestanden werden. Aber bitte schön, es soll auch jeder seinen gleichen Anteil am Verkauf an den Staat abführen. Kunst ist nicht etwa grundsätzlich benachteiligt gegenüber anderen Handelswaren, nur weil sie Kunst ist.

Das Steuerprivileg für gedruckte Bücher ist übrigens in gleicher Weise ungerecht wie das für Kunstgegenstände. Nicht die Autoren profitieren vom reduzierten Steuersatz, sondern allein die Verlage und Buchhandlungen, die seit 2006 ihre Umsätze kontinuierlich steigern konnten. Obwohl die Umsätze mit E-Books deutlich zulegen, auf die der normale Mehrwertsteuersatz von 19 % erhoben wird, wird weiterhin am Privileg des reduzierten Mehrwertsteuersatzes für gedruckte Bücher festgehalten, weil ohne diesen angeblich die Branche zu sehr leiden müsste. Mit einer fadenscheinigen Argumentation, mit der Kultur in eine quasi religiös erhobene Daseinsform erhoben wird und mit einer Begründung, dass nur so die eigentlichen Urheber von Kultur gefördert werden können, werden eindeutig wirtschaftliche Interessen am reduzierten Steuersatz kaschiert.

Eine Unterstützung von wirtschaftlichen Unternehmen durch steuerliche Subventionen, die eigenes Missmanagement nur vertuschen sollen, sollte in der Politik eigentlich längst der Vergangenheit angehören. Kein Malermeister kann für seine Dienstleistung einen reduzierten Steuersatz verlangen, weil etwa der Ertrag ihm sonst nicht zum Leben reicht. Wir sollten endlich für Steuergerechtigkeit im Handel sorgen und alte Zöpfe abschneiden, um die anstehenden Anstrengung in Deutschland bezüglich des Schuldenabbaus auch bewerkstelligen zu können.

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