Einerlei: Einrichtung einer öffentlich-rechtlichen Suchmaschine

In einigen meiner früheren Artikeln habe ich mich schon mit den gesellschaftlichen Konsequenzen auseinandergesetzt, denen wir durch die digitalen-technischen Entwicklungen ausgesetzt sind. Neben den Geheimdiensten, die im NSA-Skandal durch Edward Snowden bekannt geworden sind, sind die Internet-Firmen – auch gern Datenkraken genannt – mächtige Protagonisten in einem leichtfertigen Spiel mit unseren Identitäten. Die Erstgenannten wollen uns kontrollieren und die Zweitgenannten wollen unser Geld, beide sehr effektiv und zielgerichtet. Während ich mich zuvor hauptsächlich mit dem NSA-Skandal beschäftigt habe, will ich jetzt eine Idee zur Diskussion stellen, die die großen Suchmaschinenanbieter betreffen wird.

In der Bundesrepublik Deutschland sind mehrere Säulen der demokratischen Ordnung eingerichtet worden, die sich gegenseitig kontrollieren und stützen. Ohne jetzt alle Feinheiten im deutschen Staatengebilde aufschlüsseln zu wollen, möchte ich darauf hinweisen, dass neben der Gewaltenteilung in Legislative, Exekutive und Judikative der öffentlich-rechtliche Rundfunk eine nicht zu unterschätzende Stütze unserer Demokratie ist. Ich war aus diesem Grund schon immer gerne ein bewusster GEZ-Zahler, wenn es auch heute unschön ARD-ZDF-Deutschlandradio-Beitragsservice heißt.

Es gab und gibt immer lautstarke Meinungsäußerungen, die die Gebühr für zu hoch und für ganz unnütz halten. Gerade bei der Umstellung zum Beitragsservice, bei der nicht mehr pro vorhandenem Gerät, sondern gesamt für jeden Haushalt bezahlt wird, ist der Aufschrei groß, da sich nun weniger Personen der Gebühr entziehen können. Denn ein internetfähiges Notebook oder Smartphone gehören in der heutigen Zeit nun einmal zur Informationsversorgung wie früher ein Radio oder ein Fernseher. Die Grundversorgung mit freien Informationen aus unserem Land und der ganzen Welt ist für mich und für das Gelingen unserer Demokratie lebensnotwendig. Auch Personen, die meinen,nun überhaupt keine Dienste der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Anspruch zu nehmen, profitieren trotzdem indirekt von der dadurch insgesamt hochgehaltenen Qualität an Informationsbereitstellung in Deutschland. Und dafür müssen wir Bürgerinnen und Bürger auch unseren Gebührenbeitrag leisten.

Warum also übertragen wir nicht das erfolgreiche Modell des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auch auf die Grundversorgung mit Informationen über das Internet? Eine ganz einfache Suchmaschine, die einen eigenen Index aufbaut über Webseiten, Bilder und Videos, so wie es Google, Bing, Yahoo u.a. ebenfalls tun. Der Unterschied einer öffentlich-rechtlichen Suchmaschine zu den genannten Suchportalen wäre nur, dass die technische Unterhaltung und Weiterentwicklung nicht über den Verkauf von personenbezogenen Daten und Werbung geschähe, sondern über den von allen Haushalten einbezogenen Beitragsservice. Diese Suchmaschine würde nicht die eigenen Angebote im Ranking der Suchergebnisse bevorzugen oder andere für eine Bestplazierung entsprechend bezahlen lassen. Es gäbe keine auf das Normenverständnis anderer Staaten ausgerichtet Zensur. Die Suchanfragen würden auch nicht personenbezogen gespeichert werden, damit sie für passgenaue Werbung weiterverwendet werden kann. Eine Suche könnte dabei auch verschlüsselt verschickt werden. Niemand bräuchte also die Sorge haben, allein schon bei der Suche nach Informationen ausgespäht zu werden und befürchten, dass Informationen ausgeklammert werden.

Wer jetzt meint, es gäbe ja bereits Alternativen zu Google – und ich will nur einmal kurz darauf hinweisen, dass mindestens 95 % alle Zugriffe auf diesen Blog über den Platzhirsch Google kommen -, der muss mich erst davon überzeugen. Bing und Yahoo arbeiten nach dem gleichen Wirtschaftsprinzipien wie Google. MetaGer ist eine Meta-Suchmaschine und verfügt darum nicht über einen eigenen Suchindex, sondern sucht parallel in verschiedenen anderen Suchmaschinen, wozu im Übrigen neben weiteren auch Google, Bing und Yahoo zählen. Dann wäre noch DuckDuckGo zu nennen, wo Suchanfragen zwar über „https://“ verschlüsselt und keine nutzerbezogenen Daten gespeichert werden: eine Suche bleibt relativ anonym. Für mich bleibt jedoch der Umstand suspekt, dass es sich um eine amerikanische Suchmaschine handelt, also die Server in den USA stehen. Was dort mit den irgendwie dann doch nachzuvollziehenden Suchdaten geschieht, wissen wir mittlerweile von Edward Snowden. Außerdem arbeitet DuckDuckGo nach eigener Aussage mit Yandex zusammen, eine in Russland gegründete Suchmaschine mit Standorten in der Schweiz und den Niederlanden. Die Kombination aus zwei Suchmaschinen aus den USA und aus Russland – beide Länder zeichnen sich nicht durch besonderen Datenschutz aus – flößt mir persönlich kein Vertrauen ein. Des Weiteren gibt es das von der EU finanzierte Projekt Europeana. Aber hierbei handelt es sich ausschließlich um eine Suchmaschine für Kunst und Kultur in Europa, also Filme, Bilder, Museumsobjekte, Archivgut u.a. Die Informationen zu diesen Kulturobjekten werden aus den zahlreichen Beschreibungsdatenbanken der verschiedenen europäischen Kulturinstituten zusammengeführt. Eine Seite eines französischen Restaurant in Berlin findet man dort leider nicht.

Wenn jetzt das Argument angeführt wird, nur der freie Markt könne hochwertige Produkte liefern und pflegen, der Staat sei dazu nicht in der Lage, sollte man sich den öffentlich-rechtlichen Rundfunk anschauen. Dieser hält die Qualität zumindest auf einem guten Niveau, so dass Mitbewerber entweder Nischenprodukte oder zusätzliche, hochwertige Inhalte anbieten müssen. Ein solcher Wettkampf täte auch den Suchmaschinen gut und böte gleichzeitig die Möglichkeit einer anonymen Suche für diejenigen, die sonstige Zusatzangebote wie z.B. Routenplaner oder Restaurantempfehlungen nicht wahrnehmen wollen. Es wäre eine sanfte Regulierung des großen Marktes der Informationszugänge durch die Ergänzung einer gesicherten freien Wahl, die persönlichen Daten preisgeben zu müssen oder nicht.

Die freie Suche im Internet ist – von der Bedeutung her – der Informationsversorgung durch Fernsehen und Rundfunk gleichgezogen. Die freie Suche im Internet ist für den Erhalt der Demokratie und der Bürgerrechte genauso notwendig wie eine Tagesschau abends um acht. Die freie Suche im Internet sollte durch eine qualitativ hochwertige Grundversorgung gewährleistet werden. Aus diesem Grund fordere ich die Politik dazu auf, die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten mit dem Betrieb einer anonymen und werbefreien Internet-Suchmaschine zu beauftragen, deren Server unter deutschem Datenschutz stehen.

Nachtrag vom 13. Mai 2014: Heute las ich einen Beitrag von Dirk Lewandowski im Blog irights.info zum gleichen Thema: „Warum wir einen freien Web-Index brauchen„. Mit ähnlichen Argumente und Schlussfolgerungen kommt er zum gleichen Ergebnis, nur dass er es „freier Web-Index“ nennt, während ich mir eine Suchmaschinen-Website wie Google, Bing etc. vorstelle, die aus Gebühren finanziert wird. Dieser Gedanke an sich scheint demnach virulent zu sein. Hoffentlich führt er auch noch zu einer tatsächlichen Umsetzung.

Einerlei: Sicherheit und/oder Freiheit in einer digitalen Welt?

Angesichts der NSA-Affäre sollte unbedingt eine nachhaltige Diskussion geführt werden, und zwar über das Spannungsverhältnis zwischen dem allgemeinen Sicherheitsbedürfnis und der persönlichen Freiheit. Ich habe schon in einem anderen Artikel darauf hingewiesen, dass wir es uns nicht zu einfach machen dürfen, nur auf die Politik zu schimpfen, sondern wir selbst aktiv zum Kenntnisgewinn beitragen sollten. Ich versuche also hier und jetzt meinen Diskussionsbeitrag zur Abwägung von Sicherheit und/oder Freiheit zu leisten.

Sicherheit und Freiheit scheinen sich im gegenwärtigen Austausch von Argumenten als Gegenpole darzustellen, die quasi zusammen unvereinbar sind. Nur wenn wir auf Freiheit und Persönlichkeitsrechte verzichten, dann sind wir sicher vor Terrorakten. Nimmt eine Seite Überhand, verliert die andere entsprechend an Anteilen. Dieses Bild verbreiten zumindest die Sicherheitsbehörden mit ihren zunehmend ganzheitlichen Übergriffen auf unsere Daten. Das ist nicht schön! Denn wir haben letztlich ein Anrecht auf beides gleichzeitig, in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander.

Zum besseren Verständnis und zur Veranschaulichung will ich das Bild eines brennenden Streichholzes wählen, das wir in der Hand halten. Dieser Vergleich hinkt ein wenig, da im wahren Leben durch das Feuer ein Streichholz immer bis zum Ende ausbrennt, es sei denn, wir blasen es vorher aus. Wandeln wir also diese Metapher ein wenig ab und stellen uns vor, die Flamme – am Schwefelkopf gezündet – brennt ewig; das Holz wird durch den Brennvorgang nicht in Asche umgewandelt. Die Flamme weitet sich jetzt langsam in Richtung des Zeigefingers und Daumens aus, die das Streichholz am anderen Ende festhalten. Je breiter die Flamme vom Streichholzkopf bis zur Mitte ist, desto heller wird es für uns im dunklen Raum. Reicht die Flamme allmählich bis zu den Fingern, leuchtet sie zwar heller, für uns wird sie aber auch zunehmend unangenehmer. Werden die Finger schließlich vom Feuer erfasst, können wir das Streichholz nicht mehr halten.

Ist das Licht der Streichholzflamme noch klein, genügt es nicht, den Raum um uns herum auszuleuchten. Wir stoßen uns den Kopf und die Zehen, weil wir nichts sehen. Das Licht der breiteren Flamme lässt uns Gefahren im Vorhinein erkennen, wir erlangen somit mehr Sicherheit. Wird die Flamme dagegen noch größer, erreicht dabei fast schon unsere Gliedmaße, wird sie selbst zur schmerzhaften Gefahr. Auch wenn wir vermeintlich mehr sehen, müssen wir uns dann vor der Flamme selbst schützen. Mehr Sicherheit wird nur durch Verlust unserer Privatsphäre erreicht. Erfasst das Feuer schließlich unseren Körper ist das gleichbedeutend für ein totalitäres Gesellschaftssystem, das mit uns anstellt, was es will. Wir haben nicht mehr die eigene Entscheidungsfreiheit über uns.

Das Vorgehen staatlicher Behörden im NSA-Skandal im In- und Ausland ist meines Erachtens über das Ziel, uns vor Terror schützen zu wollen, weit hinausgeschossen. Das angebliche „Supergrundrecht“ auf Sicherheit, das uns der derzeitige Bundesinnenminister Friedrich zugestehen möchte, ist nicht legitim, da wir durch die hierfür anvisierten Maßnahmen erheblich an Freiheitsrechten einbüßen würden. Nicht die durch gerichtliche Beschlüsse erfolgten, rechtsstaatlich geprüften Überwachungen sind eine Gefahr für uns. Diese sind eine Notwendigkeit, um einen grundlegenden Schutz zu gewährleisten. Ein Angriff auf unsere elementaren Persönlichkeitsrechte sind dagegen die massenhaften Aufzeichnungen aller analogen und digitalen Aktivitäten und vor allem deren Zusammenführung und Speicherung. Hier reicht die Flamme bereits bis zu den Fingern.

Nun hat jede Person ein anderes Schmerzempfinden. Manche bevorzugen eine breitere Flamme für mehr Licht und spüren nur wenig an der Finger- und Daumenspitze. Andere empfinden schon das kleinste Licht als zu hell und hoffen, dass ihnen selbst im dunklen Raum schon nichts passieren wird. Manche frönen so geschützt und unerkannt ihren persönlichen Vorlieben, ohne dabei auf die Rechte der Anderen achten zu wollen. Innerhalb der gesellschaftlichen Diskussion werden wir hier einen Konsens zu finden haben. D.h. im Idealfall erreicht die Flamme vom Streichholzkopf aus genau die Mitte, so dass der Abstand zum Daumen und Zeigefinger genauso breit ist wie die Flamme selbst.

Meiner Auffassung nach heißt das konkret: Wir benötigen eine strikte Trennung der anfallenden Daten, die bei den verschiedenen Aktivitäten in der Geschäftswelt, an der Arbeit und im Privatleben anfallen. Der Zugriff auf die einzelnen Datenbereiche durch die staatlichen Sicherheitsorgane darf nur nach rechtsstaatlichen Prinzipien erfolgen. Die dauerhafte Speicherung aller Informationen ist weder Staaten noch der Wirtschaft zu gestatten. Die Bundesregierung hat einen aktiven Schutz der deutschen und europäischen Bürgerinnen und Bürger vor dem Ausspähen durch andere Länder zu leisten. Die Datenakquise durch alle global agierenden Internet- und Kommunikationsunternehmen sind zukünftig stark einzugrenzen.

Im Gegenzug ist aber beispielsweise auch das geistige Eigentum vor Missbrauch zu schützen. Ein Urheberrecht, das die Existenzgrundlage von Kunstschaffenden, Schreibenden und Musizierenden gewährleistet, sollte auch im Internet aktiv durchgesetzt werden. Der Aufbau und die Struktur des Internets sollten unter dem Gesichtspunkt des Bürgerschutzes neu und undogmatisch betrachtet werden. Die massenhaften Spams, Phishing-Versuche und Kaperungen von Webseiten, sollten nicht einfach nur hilflos und als unabwendbar hingenommen, sondern mit Hilfe des Einbaus technischer Schranken unterbunden werden. Diese Schranken dürfen einerseits nicht die Bewegungs-, Meinungs-, Gestaltungs- und Pressefreiheit beeinträchtigen, sollten aber andererseits permanente Einbruchs- und Diebstahlversuche abwehren helfen, so dass diese zukünftig unterbleiben. Selbstverständlich ist hierbei die Netzneutralität, die eine wertneutrale Datenübertragung im Internet bedeutet, in der Weise aufrechtzuerhalten, dass alle Datenströme gleich behandelt werden, aber ich als Empfänger besser darüber  entscheiden kann, was mich erreichen soll und was nicht. Und das gilt im Übrigen auch für Trojaner, aus welcher Quelle sie auch immer stammen mögen. Ich habe keine Vorstellung darüber, wie das zu bewerkstelligen ist, aber eine entsprechende Lösung sollte von fachkundiger Seite gesucht werden.

Ist Ihnen eigentlich bewusst, wie massiv und aggressiv sogar kleinste Webseiten tagtäglich von Botnetzen und einzelnen Hackern im Geheimen angegriffen werden? Im Internet herrscht Anarchie und Krieg, die Bevölkerung ist sich dessen nicht bewusst. Sollten Sie selbst eine Website betreiben, rate ich Ihnen dringend, regelmäßig nachzuprüfen, ob sie noch Herrin oder Herr über Ihre Netzinhalte sind oder längst ein Teil eines Botnetzes. Allein auf meinen Blog werden tagtäglich hunderte Login-Versuche unternommen, um bei Erfolg Schadcode implementieren oder den Webserver in ein Botnetz integrieren zu können. Ich wende mehr Zeit zur Abwehr dieser Angriffe auf, als zum Schreiben neuer Beiträge oder zum Malen weiterer Cartoons. Und ich habe durchaus das Bedürfnis, mich vor diesen Angriffen genauso schützen zu können wie vor einen möglichen Einbruch in meine Wohnung. Unter den gegebenen Voraussetzungen ist das bislang kaum möglich. Ändert sich dies in Zukunft nicht, muss ich irgendwann aus Selbstschutz – und um andere zu schützen – diesen Blog schließen. Und das betrifft sehr viele weitere Inhalteanbieter im Internet.

Absolute Sicherheit ist nicht zu erreichen, das gilt in gleicher Weise für die analoge Welt. Und Terrorismus findet immer einen Weg, zu kommunizieren, zu agieren und Schrecken zu verbreiten. Dem Terrorismus muss auf sehr viel mehr Ebenen Einhalt geboten werden, als nur über eine weltweite Ausspähung. Letztlich kann nur die Politik etwas bewirken. Wir müssen die digitale Welt als neue Dimension akzeptieren, in der neue, uns noch zum großen Teil unbekannte Naturgesetze wirken. Für diese Naturgesetze müssen wir passende Verhaltensregeln und Mechanismen finden und implementieren, so dass die negativen Folgen begrenzt werden und die positiven Effekte sich bestmöglich entfalten können. Wir müssen das Internet – als Oberbegriff aller neuen technischen Möglichkeiten – vorbehaltlos und von Grund auf neu denken, um dieses Ziel zu erreichen.

Kehren wir abschließend zum Bild des brennenden Streichholzes zurück. Freiheit und Sicherheit sind keineswegs Gegenpole. Durch die richtige Balance mit einer breiten Flamme und einem optimalen Abstand zu den Fingern, die das Streichholz halten,  ergeben beide eine gesunde Symbiose; sie ergänzen und stärken sich gegenseitig. Die Flamme ist hell genug und wir sind in der Lage, das Streichholz überall hin zu tragen und auf diese Weise dunkle Ecken auszuleuchten, also bislang Unbekanntes zu entdecken. Erst das richtige Maß an Sicherheit, schafft genau die Freiheit, die wir zum Leben und Wirken in unserer Gesellschaft brauchen. Ist die Licht spendende Flamme zu klein, kann niemand in der digitalen Welt ohne Schaden agieren. Sicherheit schafft Freiräume, aktiv und kreativ zu sein, was schließlich allen zugutekommt. Erfasst aber die Flamme auch die Bürgerinnen und Bürger dieser Gesellschaft, können diese das Streichholz nicht mehr länger halten: es fällt zu Boden. Das Feuer greift auf den ganzen Raum über und entzieht uns den Boden, auf dem wir stehen; was Generationen zuvor mühsam aufgebaut haben. Niemand wird das heutzutage ernsthaft noch einmal wollen.

Einerlei: demokratische Evolution der digitalen Welt

Der NSA-Skandal, der durch Edward Snowden aufgedeckt wurde, beschäftigt mich doch sehr. Was mich am meisten verwirrt, ist die komplette Lethargie, das phlegmatische Nichtreagieren der Bevölkerung auf diesen ungeheuren Missstand im Umgang mit unseren Persönlichkeits- und Freiheitsrechten. Ich bekomme das in meiner direkten Umgebung tagtäglich mit. Keinen interessiert es! Achselzucken, schlaue Sprüche wie „Das wussten wir doch alle vorher schon!“ oder Hilflosigkeit „Was soll ich schon daran ändern können?“ sind keine Seltenheit. Wie kann man sich dieses Phänomen erklären?

Sascha Lobo hat sich vor kurzem in seiner SPON-Kolumne folgendermaßen geäußert: „Das politische Empfinden zur digitalen Sphäre breitet sich schmerzhaft langsamer aus als die Nutzung des Internets. Die Werte einer digitalen Demokratie entstehen nicht von allein, nur weil eine demokratische Gesellschaft digitaler wird.“ Diese beiden Sätze haben mich sehr beeindruckt, weil die aktuelle Situation exakter nicht beschrieben werden kann. Es werden mühsam über Generationen und totalitäre Staaten hinweg erkämpfte gesellschaftliche Werte und gesetzliche Normen wie Privatsphäre, Meinungs- und Pressefreiheit uvm. schlicht und einfach missachtet und keiner reagiert darauf. Von der bundesdeutschen Regierungsseite, die uns eigentlich davor zu schützen hat, wird dies sogar noch devot hingenommen.

Vor allem aber der zweite Satz Lobos reißt einen wichtigen Aspekt an: Wenn wir uns in der digitalen Welt bewegen, befinden wir uns quasi noch in der Steinzeit, obwohl wir uns in der analogen Welt bereits in Jahrtausenden weiterentwickelt haben. Die Kommunikationsformen beispielsweise in Foren oder in Kommentaren zu Online-Artikeln muten häufig genug an, als ob Keulen am Lagerfeuer geschwungen und Frauen an den Haaren in die Höhle gezerrt würden. Jeder feinsinnige Kommunikationsstil, bei dem immer der Respekt vor der Gegenseite eine wichtige Rolle spielen sollte, wird über den Haufen geworfen. Hacker stehlen die Bankzugänge und Passwörter auf unseren Wegen durch das Gestrüpp der Bits und Bytes und ziehen uns dabei online das Geld aus der Tasche wie damals die räuberischen Wegelagerer im Mittelalter und in der Neuzeit auf den Pfaden durch den dunklen, unübersichtlichen Wald. Global agierende Internetfirmen bieten quasireligiöse Inhalte an wie früher allmächtige Religionsgemeinschaften. Wir folgen als Gläubige fast kritiklos, weil wir darin irgendwie eine Art Gemeinschaft erfahren und ohne sie nicht mehr leben können. Dabei merken wir nicht, wie unsere Persönlichkeit ausgehorcht und für den Kommerz beeinflusst wird. Wenn wir uns selbst schon nicht wirklich kennen und verstehen, Google und Konsorten, die wissen im Detail über uns Bescheid und lenken uns in ihrem Gewinnstreben wie einst der Papst in Rom vor tausend Jahren. Demokratisch legitimierte Regierungen handeln ebenso im Geiste totalitärer Staaten und horchen jedwede Kommunikation aus. Kritiker und Journalisten, die darauf hinweisen, werden nicht entsprechend gewürdigt, sondern rücksichtslos verfolgt wie die Cameron-Regierung im Fall des Guardian beispielhaft vor Augen führt. Das  Strafmaß gegen Bradley Manning belegt eindrucksvoll, dass Whistleblower, die die Menschenwürde bewahrt und Straftaten aufgedeckt haben, härter bestraft werden, als Vergewaltiger, die körperliche und sexuelle Gewalt und Erniedrigung gegen Andere ausgeübt haben. Die digitale Welt wird derartig missbraucht, als ob es die Inquisition, die Schriften von Kant, das 3. Reich, die DDR und einige andere nicht unbedeutende Schriften und Zeitphasen mit nachhaltiger Erfahrung nie gegeben hätte. Warum kann das so geschehen?

Das Internet ist eine neue und völlig unbekannte Dimension, in der wir interagieren. Die Bundeskanzlerin Angela Merkel hat für ihre Aussage „Das Internet ist für uns alle Neuland“ einigen Spott über sich ergehen lassen müssen. Sie hatte aber damit völlig recht, wie man nun langsam „schmerzhaft“ feststellen kann. Hierin unterscheide ich mich übrigens komplett in meiner Meinung vom oben zitierten Sascha Lobo. Es geht schließlich nicht darum, wie und ob ich twittern kann, sondern was mit dem Inhalt anschließend geschieht, den ich getwittert habe. Schließlich ist es in keinster Weise einfach, die als selbstverständlich hingenommenen Rechte und Gesetzte der analogen Welt auch in der digitalen Welt durchzusetzen. Das haben einige besserwissende Nerds leider in ihrem Hohn übersehen. Wie aber können wir angesichts der technischen Möglichkeiten im Internet kommunizieren, ohne unsere demokratischen Werte über Bord zu werfen? Hinzu kommt sogar in Zukunft die mögliche Überwachung in der analogen Welt durch automatische Gesichtserkennung über Kameras auf öffentlichen Plätzen. Ganz abgesehen von den käuflich zu erstehenden Drohnen, mit deren Hilfe ferngesteuert auch das Innere von Häusern ausgespäht werden kann.

Die meisten von uns überfordert es, sich die technischen Hintergründe der digitalen Sphäre vorzustellen. Man kann es nicht in die Hand nehmen, nicht direkt die Ursache und Wirkung nachvollziehen, wie es bei einem analogen Verbrechen leichter fällt. Es fehlt schlicht das Vorstellungsvermögen, was alles technisch möglich ist, was konkret geschieht und daher kann auch nicht darauf reagiert werden. Vereinfacht ausgedrückt kann ich nur einen Nagel in einen Holzbalken schlagen, den ich in der Hand halte. Genauso kann ich nur gegen etwas Imaginäres vorgehen, das ich auch gedanklich erfasst habe. Das Vorgehen der Internetfirmen, der Geheimdienste und Hacker ist aber im Allgemeinen nur sehr schwer zu verstehen; bislang jedenfalls. Hier gilt es von medialer Seite aus, ohne Unterlass Aufklärungsarbeit zu leisten. Wenn weiter kontinuierlich die digitale Welt erklärt wird und nach und nach mehr Menschen die Vorgänge begreifen, wenn aus dem „Neuland“ ein gesellschaftlich erschlossenes Gelände wird, dann halte ich es nicht für aussichtslos auch in der digitalen Dimension demokratische Normen und Verhalten einzuführen. Aber es wird, denke ich, ein langer, schmerzhafter Weg werden.